Ein Buch zweimal lesen, wie ist das?

Ein Buch zweimal lesen, wie ist das?

Eine neue Aufgabe. Ohne Frist. 10 Minuten. Einfach nur schreiben. Ohne nachzudenken. Ein Buch fällt mir sofort ein. Grundrechte. Von Ulrich Schaffer. Ein spiritueller Vielschreiber. Lebt in Kanada. Einmal habe ich ihn live gehört. In einem Wohnhaus der Lebenshilfe. Weil eine der Leiterinnen ihn kannte und eingeladen hat.

Er kann ein Gedicht über den Genuss von Butterkuchen schreiben. Und über ICH und DU. Distanz und Nähe. Ich habe ihn eine Weile lang sehr gerne gelesen. Bis es mir zu viel wurde mit seinem Schreiben. Und die besonderen Umstände sind wichtig, unter denen ich das Buch bekommen habe. Die Situation. Der Mensch. Verliebt. Mit dem zentralen Thema in dem Buch. Zeit. Auf einer Seite.

Grundrechte sind eine Textsammlung. Tenor: Du hast das Recht … Frei zu sein …. Fehler zu machen … andere Menschen zu verletzen … zu wachsen …. Dieses Buch habe ich immer wieder in die Hand genommen und gelesen. Aber nicht das ganze Buch. Beim zweiten oder dritten Mal wollte ich es nicht Seite für Seite lesen. Sondern immer nur den einen bestimmten Text, den ich suchte oder brauchte. Zwischen den Zeilen manchmal eine persönliche Anmerkung mit zartem Bleistift. Nicht von mir. Seit dem letzten Umzug ist das Buch verschollen. Noch nicht ausgepackt. Aber ich bin sicher, ich finde es wieder. Das schmale Format, den knallroten Einband, die zarten Eintragungen, die Lieblingstexte.

Hier die beiden Texte, die ich besonders mag: „Du hast das Recht, über deine Zeit zu verfügen und „Du hast das Recht, Fehler machen zu dürfen“.
Ulrich

Ein Buch zweimal lesen, wie ist das?
Ein Buch liest man einmal, wenn überhaupt, dann hat man es gelesen, dann kennt man es. Basta. Ein Buch zweimal lesen ist doch doof, langweilig. Schließlich weiß ich was passiert. Gut, die Seite 19  von Brochs „Tod des Vergil“ habe ich vielen Leuten vorgelesen wenn es mir darum ging das Glück handwerklicher Tätigkeit zu begründen. Den Rest – kenne ich doch….Aber welches Staunen, als ich zum zweiten Mal innerhalb von 5 Jahren „Sturm über New Orleans“ herunterlade von James Lee Burke, der ein gewaltiger Autor sein kann. Ich wollte es nochmal mit  Burke versuchen und habe nicht gemerkt, dass ich den schon gelesen hatte. Die Namen kommen mir bekannt vor, die Charaktere, das Milieu ansatzweise. Ich denke, wahrscheinlich zum zweiten Mal, ach, das ist doch nicht so wichtig, diese Beschreibungen von Zerstörung und Tod und Gestank, das weiß man doch. Aber ich bleibe kleben. Und die schwarze Plünderer-Gang, plötzlich ist mir klar, dass ich das schon gelesen habe. Burke macht sich die Mühe, diesen Typen Gesichter zu geben, eine Psyche, eine Großmutter, familiäre Verantwortung. Nicht nur die Polizistin und der Kautions-Anwalt, der mitten in der abgesoffenen Stadt mit einer „französischen Künstlerin“ rummacht, sondern auch die Underdogs sind Persönlichkeiten um die ich mich auf einmal sorge. Bertrand, der Anführer der Plünderer, der bei einem Raubzug seinen Bruder und einen Freund verliert, weil die blöd sind und nicht auf ihn hören, schreibt einen Entschuldigungsbrief an den Nachbarn des leerstehenden Hauses, das sie ausgeraubt haben. Unfassbar. Er ist ein Fass an Gefühlen und Gedanken und Fürsorge.
Hat mich das vor fünf Jahren nicht gefesselt? In welchem Zustand war ich damals, dass ich das nicht richtig lesen wollte? Jetzt entdecke ich soviel Neues, über die Stadt, das Chaos, die Seuchen und Gefahren, denen wir Menschen alle ausgesetzt sind. Jetzt bin ich in der Lage, die Technik und das Können von Burke zu bewundern. Damals war ich vermutlich genervt oder depressiv.
Unabhängig davon, dass Burke ein Autor ist, dessen größte Romane (Fremdes Land) eine zweite Lektüre vertragen, findet man bei guten Büchern  im zweiten Durchgang immer noch etwas was man zuvor überlesen hat weil man beim ersten Mal  zu schnell der Handlung folgen wollte. Personen und Landschaft, Sommersprossen, Philosophie und zarte Gefühle. Die Handlung ist nur das Gerüst, die technische Zeichnung, an die sich die Gedanken, die sprachlichen Funde und Erfindungen, die neuen Perspektiven, die Landschaft, das Tragische und das Komische anlagern. Wichtig, aber unterhalb der wirklichen Erfahrung.
Jutta


Lese-Erfahrungen

„Ein Buch zweimal lesen, wie ist das?“ fragte der Enkel seine Großmutter.
Sie überlegte, wunderte sich kurz über diese Frage, aber ließ sich dann darauf ein.
„Ich habe sehr viele Bücher gelesen in meinem langen Leben,“ begann sie. „Sehr viele unterschiedliche Bücher. Aber nur ganz wenige davon habe ich zweimal gelesen und noch viel weniger mehrmals. Natürlich habe ich meist Bücher noch ein zweites Mal gelesen, die mir gefallen hatten, mit denen ich etwas Positives verband oder die ich interessant fand. Vielleicht wollte ich so dieses gute Gefühl vom ersten Mal erneut in mein Leben holen.Allerdings gelang mir dies nicht oft. Meist wurde ich auf eine undifferenzierte Art enttäuscht. Mir wurde bewusst, dass Vieles nur in meinem Kopf passiert war und nicht auf den Buchseiten. Diese Kopf-Geschichten waren meist viel spannender, viel tiefgehender, viel bewegender, aber beim zweiten Lesen ganz anders, als hätte jemand heimlich ganze Passagen heraus gestrichen oder auf plumpe Art verkürzt, egal, wie kunstvoll sie geschrieben waren.Andere Bücher dagegen, meist solche, von denen ich mir nicht viel versprach, die ich noch einmal las, um bestimmte Fakten aufzufrischen oder aus anderen rationalen Gründen, wurden plötzlich über die Maßen lebendig, öffneten mir neue Horizonte, die mir beim ersten Lesen noch verschlossen geblieben waren.“
Nachdem sie die ganze Zeit wie in Gedanken aus dem Fenster geschaut hatte, wandte sie sich nun wieder ihrem Enkel zu, der sie, ganz untypisch für ihn und sein jugendliches Alter, immer noch aufmerksam ansah.
„Ich glaube,“ sagte sie abschließend, „bei mir kam es meist darauf an, was ich beim zweiten Lesen eines Buches von ihm erwartete und das Buch zeigte mir – nicht immer, aber sehr oft – dann eine ganz andere Seite von sich. Doch ich weiß natürlich nicht, ob es dir nicht vielleicht anders ergehen wird. Es wird dir also nichts anderes übrig bleiben, als deiner Frage selbst auf den Grund zu gehen. Dann kann ich dich fragen: “ Ein Buch zweimal lesen, wie ist das  – für dich?“
Silke

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