Was ist Reisen?

Reisen im Stillstand.

Was ist Reisen?
Was ist Reisen? Ein Zustand der Unruhe. Eine Möglichkeit zu lernen, in sich selbst zu ruhen.
Reisen ist Lernen, Eintauchen in neue Welten, manchmal in eine andere Zeit. 
Reisen ist, sich selbst neu erleben, anspruchsvoll. Ein stetiger Wechsel von Vorstellung und Wirklichkeit, mal übertreffend, mal hinterher hinkend, eine Herausforderung für den inneren Bewerter. Es heißt, Reisen bildet. Und ja, das tut es.
Dennoch entsteht in meinem Kopf sofort die Frage: Was bildet sich denn? Vorurteile? Hoffentlich nicht. Eine Reise kann dazu führen, Vorurteile abzubauen, weil ich merke, der Mensch am anderen Ende der Welt oder auch nur im Nachbarland ist eben auch nur ein Mensch. Genau wie ich.  
Ich reise gerne. Obwohl ich von Abenteuerreisen bisher Abstand gehalten habe, ist für mich jede Reise ein Abenteuer, auch wenn eigentlich nichts Abenteuerliches passiert. 
Ich bin am liebsten mindestens dreimal an einem fremden Ort: Das erste Mal, um einen Eindruck zu gewinnen, das zweite Mal, um ein Gefühl dafür zu entwickeln und das dritte Mal, um das Neue im Kontext zu erleben. Sehr selten gelingt es einem Reiseziel, mich direkt beim ersten Mal zu erobern, aber es gibt tatsächlich mehrere davon. 
Reisen ist Leben und das Leben ist eine Reise. Abenteuerlich, ob man will oder nicht.
Silke

Was ist Reisen?
Ich muss mal drüber nachdenken, weil ich ratlos bin. Aber dazu dient ja das Schreiben. Ich würde gern auf Silke antworten, auf ihren Schwung, ihre Begeisterung, ja Leidenschaft, das hat mich so berührt, auch Wunden aufgerissen. Es ist wirklich so, Reisen bildet, verändert, bereichert. Daraus müsste ich umgekehrt schließen dürfen, dass alles, was diese Kriterien nicht erfüllt kein richtiges Reisen ist, und dass ich zudem nach weiteren Tätigkeiten fragen darf, die verändern, bilden, bereichern und abenteuerlich sind. Ach ja, und die frei machen. Eigentlich erschien mir das Reisen unersetzlich. Es gehörte zu mir. Und ohne die vielen Bilder in meinem Kopf, die Erfahrungen, die persönliche Entwicklung wäre ich nicht ich, klar. Erst recht nicht ohne die geschmackliche Erziehung, das Licht im Süden und im Norden, das Meer und die Düfte und Klänge, den Gewinn von Freunden,  die Bestätigung oder Wiederlegung von Vorurteilen.Das selbstständig Werden beim Planen, beim Studium von Karten und Literatur, Erlernen fremder Sprachen, dem Aushalten von Belastungen und der Erfahrung, wie die Erfüllung eines Wunsches aussehen kann, und wie groß die Unterschiede zwischen Nachbarn sein können und wie klein zwischen Menschen, die Tausende von Kilometern voneinander entfernt leben.  Die Gefahr in der nächtlichen Autowerkstatt am Rand von Florenz, das Unwetter in Otranto, der Wolf in Kalabrien, der russische Zoll in Petersburg, die Fremdenlegionäre in Calvi, der Anwalt in Nuoro, der sich von Wurst und Käse seiner Klienten ernährt, die riesigen Wanzen in Havanna, der schlampige Franzose mit den Salami-Broten, das Medici-Stammhaus im Mugello und die Feste dell‘ Unita, der Markt in Athen, der Kinderspielplatz in Durres, Albanien.Aber was soll ich heute tun? Ich will kein Tourist sein, sondern Menschen besuchen und ihre Welt durch ihre Brille sehen lernen.Die Tourismusindustrie führt ihre Schafherden überall durch. Mascere ist verschwunden, auf den Hügeln ein blödes Resort, wo man Deutsch spricht. Alle paar Meter ein Outlet, weil die Leute kommen um zu shoppen. Mir wird übel beim Anblick der Schiffsberge vor Venedig und Dubrovnik, oder der Horden von Touristen, die in jeden Brunnen springen.Wenn ich meine Freunde besuchen will muss ich Stunden in Warteschlangen vor Sicherheitskontrollen und Schaltern einplanen. Niemand strengt sich wirklich an um fremde Kontexte zu verstehen, alle denken, sie kennen die Welt, aber sie sind bloß mal  durchgelatscht weil sie zuviel Rente und zuviel Zeit haben.Es ist heute ein größeres Abenteuer die Bucht von Eckernförde auf dem Rad zu erkunden oder in der Pfalz auf Wanderschaft zu gehen als nach Acapulco zu fliegen oder in die Massai Mara.Für eine Wanderung durch Afghanistan fehlen mir allerdings jetzt auch  Mut und Gesundheit. Bären und Lachse  in Kamschatka  gehen ebenfalls über meine Möglichkeiten, habe ich mir aber immer toll vorgestellt.Das Abenteuer liegt gleich um die Ecke, eine Idee, die viele Schriftsteller beschäftigt. Finkielkraut, zum Beispiel, sagt mein alter Freund Dieter, ich meine auch Nizon oder Anton Reiche.Ich weiß noch wie wir mal kein Geld hatten und im Sommer durch die Stadt gegondelt sind als sei sie uns fremd, Musik hörend und rauchend, tatsächlich auch ein bisschen euphorisch.Als ich noch ganz bei Kräften war und viel unterwegs, hatte ich trotzdem immer wieder einen Diskurs mit einem Freund, der wie ein Landvermesser reiste und mehr gesehen als nicht gesehen hatte. Er kam mir vor wie ein Vielfrass, ein Süchtiger, wollte alles besitzen. Auch Gilbert, der seit einem Jahr unter der Erde ist, war jedes Jahr mit dem Auto in den Staaten unterwegs, von Motel zu Motel, mit Reiseblog. Gott im Himmel, wozu?  Und jedes Jahr in Bogota. Es gibt bei manchen meiner Freunde so einen Wunsch nach Vollständigkeit, danach, alles zu kennen. Ich glaube das geht nicht.Aber das einfache Losfahren und Entdecken gibt’s auch nicht mehr. „Ick bün allhie“ schreit immer jemand. Es bleiben vielleicht die Fernreisen, weil die Welt kleiner geworden ist. Aber hier weiß ich auch nicht weiter. Was soll ich mit Jingrong in Wuhan? Lukas und Daniela kommen im Winter von Mexiko nach Deutschland um hier zu bleiben. Ich glaube auch nicht, dass es dort weniger Halligalli gibt. Also mit dem Finger über die Landkarte wie die Großeltern oder brav eine Reise für meine griechische Nichte und mich organisieren, sobald wir wieder reisen können? Und dann: Wie?Ich bin verpflichtet auf meinen ökologischen Fußabdruck zu achten.
Jutta

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